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„Ausgebremst – oder doch nicht?“: Aktionstag in Höchst macht Barrieren sichtbar und fördert den Dialog über Inklusion
Behindertenclub und Gemeinde Höchst laden zur gemeinsamen Erkundungstour ein – Forderung nach mehr Barrierefreiheit und Erhalt der Eingliederungshilfe
HÖCHST. Unter dem Motto „Ausgebremst!?“ haben der Behindertenclub Odenwald (BCO) und die Gemeinde Höchst am Samstag, 6. Juni, zu einer gemeinsamen Aktion für mehr Barrierefreiheit und Inklusion eingeladen. Die Veranstaltung, die jährlich in einer anderen Kommune stattfindet, soll das Bewusstsein für die Herausforderungen von Menschen mit Behinderungen schärfen und gleichzeitig Verbesserungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum aufzeigen.
Rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer versammelten sich auf der neu gestalteten Fläche vor dem Rathaus in Höchst, um die Gemeinde aus einer ungewohnten Perspektive kennenzulernen. Ausgestattet mit Rollstühlen, Rollatoren und Kinderwagen begaben sie sich auf einen gemeinsamen Rundgang durch den Ortskern. Mit dabei waren Bürgermeister Fröhlich, Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindeverwaltung und des Gemeindevorstands, der Generationenhilfe, des VdK, des DGB, des Integrationsfachdienstes sowie zahlreiche interessierte Bürgerinnen und Bürger.
Perspektivwechsel im Rollstuhl
Viele Teilnehmende nutzten die Gelegenheit, selbst im Rollstuhl Platz zu nehmen und die Herausforderungen des Alltags unmittelbar zu erleben. Auch Bürgermeister Fröhlich setzte sich in einen der bereitgestellten Rollstühle und absolvierte die Strecke gemeinsam mit den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die Führung übernahm Markus Zwicknagl, zweiter Vorsitzender des BCO.
Positiv bewertet wurden die neu geschaffenen Rampen im Bereich des Rathauses. Obwohl sie auf den ersten Blick recht steil wirkten, konnten sie problemlos bewältigt werden. Insgesamt erhielt die neugestaltete Verkehrsführung ebenso wie der Platz vor dem Rathaus viel Lob. Besonders hervorgehoben wurden die barrierefreien Bushaltestellen und die insgesamt gelungene Gestaltung des öffentlichen Raums.

Monika Hurka, © Copyright © Monika Hurka. all rights reserved 2026
Kleine Hindernisse mit großer Wirkung
Schon nach der Überquerung des ersten Zebrastreifens wurde deutlich, wie unterschiedlich Menschen den öffentlichen Raum wahrnehmen. Aufmerksamkeit erregte ein sogenanntes Aufmerksamkeitsfeld für sehbehinderte Menschen – ein in den Boden eingelassenes Noppenfeld, das blinden und sehbehinderten Personen Orientierung bietet. Für die Rollstuhlnutzenden stellte es zugleich ein spürbares Hindernis dar, insbesondere weil die Fläche an dieser Stelle leicht ansteigt. Ein sehbehinderter Teilnehmer erläuterte den Anwesenden die wichtige Funktion dieser Bodenmarkierungen und machte damit deutlich, wie unterschiedlich die Anforderungen verschiedener Nutzergruppen sein können.
Weitere Barrieren wurden auf dem Rundgang ebenfalls sichtbar. So verfügt die Polizeistation über eine hohe Treppe, an deren Fuß keine Klingel für Menschen mit eingeschränkter Mobilität vorhanden ist. Auch ein Buchladen ist für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer derzeit nicht erreichbar. In beiden Fällen könnte bereits eine einfache Klingellösung die Situation deutlich verbessern.
Als problematisch erwies sich zudem ein stellenweise zu stark geneigter Bürgersteig. Mehrere Teilnehmende stellten fest, dass Rollstühle dort ungewollt in Richtung Fahrbahn gezogen werden. Besonders deutlich zeigte sich dies bei einem Elektrorollstuhl, dessen Vorderräder aufgrund der Schräglage stark ins Pendeln gerieten.
Kritik gab es außerdem an einem Pfosten, der mitten im Laufweg steht, sowie an einer Rampe vor einem Schuhgeschäft. Diese war zwar gut gemeint, erwies sich jedoch als so steil, dass ungeübte Rollstuhlfahrende beim Befahren Gefahr laufen, nach hinten zu kippen. Mit etwas Übung und Unterstützung durch eine Begleitperson war der Zugang immerhin möglich.

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Gestaltung mit Licht und Schatten
Diskutiert wurden auch die neu angelegten Pflanzflächen im Ortszentrum. Deren ansprechende Gestaltung fand viel Anerkennung. Gleichzeitig wurde auf ein Sicherheitsproblem hingewiesen: Offenbar wird der dort verwendete feine Schotter von spielenden Kindern auf die umliegenden, glatt gepflasterten Flächen getragen. Die verstreuten Steine können für Rollstühle, Rollatoren und andere Mobilitätshilfen zu gefährlichen Brems- und Rutschhindernissen werden.
Austausch in konstruktiver Atmosphäre
Im Anschluss an den Rundgang trafen sich die Teilnehmenden im Gastronomiebereich des Bürgerhauses zur gemeinsamen Auswertung. Die Gemeinde hatte zu Getränken eingeladen, der Behindertenclub spendierte Brezeln. In angenehmer Atmosphäre entwickelte sich ein intensiver Austausch mit Bürgermeister Fröhlich über die Ergebnisse der Begehung und weitere Schritte hin zu einer inklusiven Gemeinde.
Dabei wurde deutlich, dass Barrierefreiheit weit mehr umfasst als abgesenkte Bordsteine und Rampen. Ein zentrales Thema war die Verfügbarkeit barrierefreier Toiletten. Die Gemeinde Höchst verfügt zwar sowohl im Rathaus als auch auf dem Friedhof über entsprechende Einrichtungen. Diese sind jedoch nur während der jeweiligen Öffnungszeiten zugänglich.
Die Teilnehmenden formulierten deshalb eine klare Forderung: „Jede Kommune sollte über mindestens eine rund um die Uhr zugängliche barrierefreie Toilette verfügen.“

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Barrierefreiheit nützt allen Menschen
Der Vorstand des Behindertenclubs machte während der Diskussion erneut deutlich, warum Investitionen in Barrierefreiheit von gesellschaftlicher Bedeutung sind. Barrierefreiheit komme nicht nur Menschen mit Behinderungen zugute, sondern der gesamten Bevölkerung.
Nach Angaben des Vereins besitzen rund zehn Prozent der Bevölkerung einen Schwerbehindertenausweis. Gleichzeitig steigt das Durchschnittsalter der Gesellschaft kontinuierlich an. Viele Menschen sind im Laufe ihres Lebens zumindest zeitweise auf barrierefreie Infrastruktur angewiesen – sei es durch Krankheit, Unfall, Alter oder als Eltern mit Kinderwagen.
Ein häufig verwendetes Zitat brachte diese Erkenntnis auf den Punkt:
„Für etwa ein Prozent der Bevölkerung ist Barrierefreiheit zwingend erforderlich, für 30 bis 40 Prozent notwendig und für 100 Prozent komfortabel.“

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Unterstützung im Arbeitsleben
Auch die berufliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen wurde thematisiert. Eine Vertreterin des Integrationsfachdienstes (IFD) informierten über ihre Beratungsangebote für schwerbehinderte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie deren Arbeitgeber. Ziel ist es, Arbeitsplätze zu sichern und Beschäftigungsmöglichkeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu erhalten oder auszubauen. Entsprechende Informationsflyer wurden im Rathaus ausgelegt. (mehr zum IFD: www.ifd-odenwald.de).
Menschen aus Werkstätten für behinderte Menschen machten zudem deutlich, dass sie sich mehr Übergänge auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wünschen. Gleichzeitig forderten sie eine gerechtere Bezahlung ihrer Arbeit innerhalb der Werkstätten.
Klare Botschaft zur Eingliederungshilfe
Mit Sorge betrachteten die Teilnehmenden die aktuellen Diskussionen über mögliche Kürzungen in der Eingliederungshilfe. Der Behindertenclub warnte eindringlich vor den Folgen solcher Einsparungen.
Gerade Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf seien auf Assistenzleistungen angewiesen, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Alltagsassistenz ermögliche den Besuch von Veranstaltungen, die Wahrnehmung sozialer Kontakte und eine selbstbestimmte Lebensführung. Auch die Schulbegleitung sei für viele Familien unverzichtbar und trage entscheidend zu einer erfolgreichen schulischen Teilhabe bei.
Darüber hinaus wurden der Mangel an barrierefreiem Wohnraum sowie die Bedeutung digitaler Teilhabe angesprochen. Schon für viele Menschen ohne Behinderung sei die Wohnungssuche schwierig. Für Menschen mit Behinderungen stelle sich die Situation fast immer deutlich problematischer dar.
Das Fazit der Veranstaltung fiel deshalb eindeutig aus: Barrierefreiheit muss weiter ausgebaut werden, und bei der Eingliederungshilfe darf es keine Kürzungen geben. Die Forderung der Teilnehmenden lautete unmissverständlich: „Finger weg von der Eingliederungshilfe.“
Begleitet wurde die Veranstaltung von einer Vertreterin des Odenwälder Echos. Die fotografische Dokumentation für den Behindertenclub übernahm Monika Hurka.
Kontakt:
Behindertenclub Odenwald
Selbsthilfegruppe für Menschen mit körperlichen Behinderungen e.V. (BCO)
-Mitglied in der Diakonie Hessen-
c/o: RDO, Bahnhofstr. 38, 64720 Michelstadt (Sitz des Vereins)
Erste Vorsitzende: Elfi Kissinger
Kreuzweg 8, 64739 Höchst/Odw.
Tel.: 06163-2113, Fax und AB 06163-82234
